Spannungsriss
Auch: Materialspannungsriss
Ein Spannungsriss entsteht, wenn innere Spannungen in einem Bauteil – etwa durch Temperaturwechsel, unterschiedliches Ausdehnungsverhalten verschiedener Materialien oder mechanische Belastung – die Zugfestigkeit des Baustoffs überschreiten. Anders als Setzungsrisse geht die Ursache nicht vom Baugrund, sondern von Materialverhalten und Konstruktion selbst aus.
Ausführliche Erklärung
Spannungsrisse treten typischerweise dort auf, wo Baustoffe mit unterschiedlichem Wärmeausdehnungskoeffizienten oder unterschiedlicher Steifigkeit unmittelbar aneinandergrenzen, etwa an Materialübergängen zwischen Beton und Mauerwerk, an Fassadenverkleidungen ohne ausreichende Dehnungsfugen oder bei Wärmedämmverbundsystemen mit fehlerhaft ausgeführten Bewegungsfugen. Häufige Ursachen:
- Temperaturbedingte Ausdehnung und Kontraktion, besonders bei großflächigen, dunklen Fassaden mit hoher Sonneneinstrahlung.
- Fehlende oder falsch platzierte Dehnungsfugen in langen Wand- oder Bodenflächen.
- Unterschiedliches Materialverhalten an Anschlussstellen (z. B. Putz auf unterschiedlichen Untergründen wie Beton und Ziegel).
- Mechanische Belastung durch Vibrationen (z. B. nahegelegener Straßenverkehr) oder Nutzungslasten.
Spannungsrisse verlaufen häufig geradlinig entlang von Materialgrenzen oder Fugenlinien und sind – anders als Setzungsrisse – meist nicht diagonal treppenförmig. Ihre Breite variiert oft jahreszeitlich mit der Temperatur, was ein Hinweis auf die thermische Ursache ist. In der Regel handelt es sich um einen optischen Mangel ohne statische Relevanz, jedoch können offene Spannungsrisse Feuchtigkeit eindringen lassen und dadurch Folgeschäden (Frostschäden, Korrosion an Bewehrung) verursachen.
Für die Maklerpraxis ist relevant, Spannungsrisse von den ernster zu bewertenden Setzungsrissen zu unterscheiden – im Zweifel empfiehlt sich die Einschaltung eines Bausachverständigen, der über Rissbild, Verlauf und ggf. ein Rissmonitoring die Ursache klärt.
Beispiel aus der Praxis
An einer großflächigen, südausgerichteten Putzfassade ohne Dehnungsfugen zeigen sich im Sommer feine, gerade verlaufende Risse, die sich im Winter teilweise wieder schließen. Der Gutachter identifiziert dies als temperaturbedingten Spannungsriss und empfiehlt das nachträgliche Einbringen von Dehnungsfugen.